Wie fühlen Sie sich heute? Wie haben Sie sich gestern Abend beim Zubettgehen gefühlt? Und mit welchem Gefühl sehen Sie dem morgigen Tag entgegen? Ohne Gefühle geht im Leben nichts. Klingt übertrieben? Dann fühlen Sie mal in sich hinein. Jede Situation, jede Handlung und jede Konversation verbinden wir mit einem oder mehreren Gefühlen. Was diese bedeuten und wie wir sie aktiv nutzen können, um unsere Potentiale, privat sowie beruflich, zu entfalten, wird uns meist erst bei genauerem Hinschauen bewusst. Deshalb laden wir Sie ein, gemeinsam mit uns einen Blick in unsere Gefühlswelt zu werfen. Weiter geht´s mit…

P wie peinlich

„Wie peinlich! Ich würde am liebsten im Erdboden versinken!“ – Wenn uns ein Missgeschick passiert, wir in ein verbales Fettnäpfchen treten oder wir jemanden oder etwas verwechseln, empfinden wir Schamgefühle. Ist uns das Missgeschick zwar unangenehm, nach einigen Minuten haben wir es aber bereits wieder überwunden und können womöglich sogar darüber lachen, sind wir peinlich berührt. Wenn uns etwas hingegen wirklich unangenehm ist, dieses Gefühl auch noch länger nachwirkt und eventuell mit negativen Folgen verbunden ist, empfinden wir Scham.

Die Begriffe Scham und Peinlichkeit benutzen wir umgangssprachlich oftmals synonym. Dennoch bestehen kleine, aber feine Unterschiede zwischen dem Gefühl der Scham und dem Gefühl, wenn uns etwas peinlich berührt. So ist eine Peinlichkeit kurzweiliger und findet meist auf zwischenmenschlicher Ebene statt. Im Drogeriemarkt fällt uns erst an der Kasse und mit langer Schlange im Rücken auf, dass wir unser Portemonnaie vergessen haben. Wie peinlich! Wir sind kurz überrascht – sammeln anschließend aber unsere Waren vom Kassenband auf und sortieren sie zurück in die Regale. Ärgerlich und unangenehm, aber noch lange kein Weltuntergang.

Schäm dich! Wieso Scham tiefer sitzt als eine Peinlichkeit

 

 

Scham hingegen setzt sich eine Ebene tiefer unter der Oberfläche fest und ist eine sogenannte selbstbewusste Emotion. Die Peinlichkeit zählt zwar auch zu diesen, dennoch ist sie oftmals leichter zu ertragen und schneller vergessen. Wer sich hingegen schämt, tut dies meist über einen längeren Zeitraum hinweg und entwickelt zudem unter Umständen Schuldgefühle. Wünschenswert wäre es – denn wie so oft in der Welt der Gefühle ist die Scham mit einem natürlichen Instinkt verknüpft: Wir lernen, soziale Regeln und zwischenmenschliche Grenzen einzuhalten. Über eine Kollegin zu lästern, ist nicht nur kein schöner Charakterzug – wenn sie in genau diesem Moment auch noch zufällig den Raum betritt und die Lästerei mitbekommt, befinden wir uns in einer äußerst unangenehmen Situation, die in den meisten Fällen Scham auslöst. Die Folge: ein schlechtes Gewissen. Und das vollkommen zurecht.

Und dennoch haben die Scham und das Gefühl, peinlich berührt zu sein, eines gemeinsam: Sie werden nur von jenen Lebewesen wahrgenommen, die sich darüber bewusst sind, dass sie von ihren „Artgenossen“ bewertet werden. Bedeutet: Nur dann, wenn wir uns in andere Personen hineinversetzen können und über ein ausgeprägtes Sozialverhalten verfügen, sind wir in der Lage, uns zu schämen oder etwas als peinlich zu empfinden. Daraus können wir schließen, dass Scham und Peinlichkeiten uns lehren, achtsamer, empathischer oder zurückhaltender zu sein. Dass es sich dabei um Lehren fürs Leben handelt, bekommen wir bewusst oftmals gar nicht mit – in unserem Unterbewusstsein passiert dafür umso mehr.

Peinlichkeiten nehmen, wie sie kommen – gar nicht so leicht!

 

 

Wie gehen wir am besten mit peinlichen Situationen um? Souverän und selbstbewusst – oder einsichtig und reuevoll? Gar nicht so einfach – schließlich macht uns oftmals unser Körper einen Strich durch die Rechnung. Ist uns etwas peinlich, werden wir eventuell rot im Gesicht, finden keine passenden Worte und wirken unsicher. Eine ganz normale Reaktion, die uns zeigt: Das war nicht in Ordnung. Und Einsicht ist bekanntermaßen der erste Schritt zur Besserung.

Lassen Sie uns den nächsten Schritt in einem Beispiel zusammen gehen:

Katja ist Inhaberin eines Malerbetriebs und beschäftigt 7 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Meist wickelt sie zwei Projekte parallel ab und teilt ihr Team auf die Baustellen auf. Außerdem ist sie für die Materialbeschaffung und die Ausstattung ihrer Teams mit allen benötigten Utensilien und Farben zuständig.

In einer besonders hektischen Projektphase passiert es: Katja verwechselt zwei Baustellen miteinander und stellt die Materialien falsch zusammen. Ihr Missgeschick wird von ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen erst vor Ort entdeckt. Katja ist die Verwechslung furchtbar peinlich. Wie unprofessionell, was müssen nur ihre Mitarbeiter denken? Und die Kunden erst? Überfordert von der Situation fährt sie ihre Teamleiter an: „Wieso checkt ihr das Material am Tag vorher nicht noch einmal gegen?“

Katja beginnt nachzudenken – wieso hat sie das Material falsch zusammengestellt? Lag es an der momentanen Hektik und dem Stress? Ziemlich wahrscheinlich. Und doch ist es ihre Aufgabe, auch in Phasen wie diesen konzentriert und fokussiert zu bleiben. Schnell beschleicht sie ein schlechtes Gewissen ihren Teamleitern gegenüber. Sie entschuldigt sich bei beiden und nimmt sich anschließend wieder mehr Zeit, um die anstehenden Projekte zu sichten und gründlicher vorzubereiten.

Katjas Learning ist eindeutig: Die Situation, die ihr so peinlich ist, hat sie sich selbst zuzuschreiben – und kann somit auch nur aus eigenem Antrieb heraus etwas ändern. Solche Veränderungen müssen nicht immer groß, sie dürfen auch klein, aber dafür wirkungsvoll sein. Dazu zählen beispielsweise die Abgabe von (zu) viel Verantwortung oder das Delegieren von Aufgaben, damit wir uns wieder besser fokussieren können. Doch ganz gleich, welche Schlüsse wir aus unseren Peinlichkeiten auch ziehen – etwas Gutes haben sie doch: Wir reflektieren und hinterfragen (uns). Was hätten wir anders oder besser machen können? Was können wir in Zukunft tun, um Peinlichkeiten zu vermeiden? Bereits die Auseinandersetzung mit unangenehmen Situationen und Erfahrungen macht uns stärker – und hilft uns dabei, uns selbst noch besser kennenzulernen.

 

Ein gutes Gefühl, versprochen!

 

Bedeutet Reflektion, unser emotionales Denken mit der Kraft unserer Gefühle in Einklang zu bringen? Erfahren Sie es in unserer Workshop-Reihe „Limbisches Denken“. Sie sind herzlich eingeladen!

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